Das Oberlandesgericht Köln wurde am 21. Juni 1819 durch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen als "Rheinischer Appellationsgerichtshof" gegründet. Seinen heutigen Namen "Oberlandesgericht" erhielt es mit dem Inkrafttreten der Reichsjustizgesetze am 1. Oktober 1879.

Der alte "Appellhof", nach dem heute noch entsprechend seinem damaligen Sitz ein Platz in der Kölner Innenstadt benannt ist, war das zentrale Berufungsgericht der preußischen Rheinprovinz mit einem außergewöhnlich großen Bezirk, der sich von Kleve am Niederrhein bis Saarbrücken im Saarland erstreckte. Eine Besonderheit war, dass damals hier im Rheinland französisches Recht angewendet wurde, nämlich die fünf Gesetzbücher Napoleons. Dies änderte sich erst am 1. Januar 1900 mit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs, welches heute noch gilt, wenn es auch zwischenzeitlich zahlreiche Änderungen erfahren hat.

Wer mehr über Geschichte des Oberlandesgerichts Köln erfahren möchte, dem sei der sehr interessante Aufsatz "Der 175-jährige Gerichtshof" von Dr. Dieter Laum - Präsident des Oberlandesgerichts Köln von 1984 bis 1996 - empfohlen, der hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags Dr. Otto Schmidt in einer leicht gekürzten Fassung wiedergegeben wird.

Das Justizgebäude am Reichenspergerplatz

Gebäude des Oberlandesgerichts Bild Nr. 1

Das Justizgebäude Reichenspergerplatz in Köln, oft auch nur Oberlandesgericht Köln (Bild Nr. 1) genannt, wurde in den Jahren 1907 bis 1911 nach Plänen des Geheimen Oberbaurats Paul Thoemer gebaut. Es war seinerzeit das größte Gerichtsgebäude Deutschlands und ist noch heute städtebaulicher Mittelpunkt im Kölner Norden. Es ist ein Werk des Historismus, der vor dem Ersten Weltkrieg in alten Formen neue Bauten schuf: neuromanische wie die festungsartigen Türme der Kölner Hohenzollernbrücke, renaissanceartige wie das Justizgebäude am Appellhofplatz, dem Sitz des früheren "Rheinischen Appellationsgerichtshof zu Cöln", und neubarocke wie dieses Haus am Reichenspergerplatz. Einem Platz, der so bereits 1897 nach dem Kölner Appellationsgerichtsrat, Dombauförderer und Politiker August Reichensperger benannt wurde.

Der viergeschossige Bau mit Souterrain wurde in neubarockem Stil auf dem von fünf Straßen umgebenen Grundstück und einer Grundfläche von 12.500 qm errichtet. Seine Eingangsfront, als Viertelbogen in konkaver Form ausgebildet, setzt in Verbindung mit dem davor liegenden runden Platz mit achsialen Straßen einen architektonischen und städtebaulichen Akzent. Drei große und vier kleine Innenhöfe belichten die Innentrakte. Risalite und Portale des Gebäudes tragen reichen barocken Schmuck aus Säulen, Pilastern, Kapitellen, Konsolen und Skulpturen.

Blick in die Eingangshalle Bild Nr. 2
Große Justizbauten

Große Justizbauten in Paris, Rom und Brüssel hatten Maßstäbe gesetzt, hinter denen man im kaiserlichen Deutschland nicht länger zurückbleiben wollte. Und so entstand für 5,6 Millionen Mark Baukosten und einem Bauvolumen von 250.000 cbm ein Prachtbau mit 34 Sitzungssälen und 400 Geschäftszimmern, mit einer illustren Eingangshalle (Bild Nr. 2), mit Fluren von mehr als 4 km Gesamtlänge, Trinkbrunnen in zahlreichen Warteecken und allem, was damals zur modernsten technischen Ausrüstung gehörte: elektrisches Licht, Fernsprechsammelanlage, Aufzug, elektrische Entstaubungsanlage. Die palastartige Architektur sollte nicht der Einschüchterung dienen, sondern im Gegenteil Symbol sein für die Unabhängigkeit der Gerichte gegenüber Königshäusern und Kirche.

Türmchen mit Spitze Bild Nr. 3
Die Einweihungsfeier

Die Einweihungsfeier fand im Kölner Gürzenich statt. Vor 650 Gästen lobte Justizminister Maximilian von Beseler das Gerichtsgebäude als "einen Justizpalast, der in künstlerisch schönen Formen das Städtebild ziert". Dieses Lob galt nicht nur dem Architekten, dem inzwischen zum Wirklichen Geheimen Oberbaurat aufgerückten Paul Thoemer, der örtlichen Bauleitung unter Regierungsbaumeister Ahrns und der ausführenden Firma Riphahn und Hegel. Das Lob galt in gewissem Umfang auch Kaiser Wilhelm II., der bei Abnahme des Entwurfs dem Ganzen die Krone aufgesetzt hatte: ein Türmchen(Bild Nr. 3) mit langer Spitze (bis zu 72 Meter in den Himmel ragend). Diese kaiserliche Zutat - rot in eine Aufrisszeichnung eingetragen - hat der Zweite Weltkrieg beseitigt.

 

Göttin Justitia im Fries Bild Nr. 4
Fries über dem Haupteingang Bild Nr. 5
Medusenhaupt im Portal Bild Nr. 6
Die Justitia

Der Oberpräsident der Rheinprovinz, Freiherr von Rheinhaben, ging in seiner Festansprache besonders auf die Göttin Justitia im Fries über dem Hauptportal ein, weil sie ohne Augenbinde sei:

"Die Justiz soll blind sein gegen Unterschiede des Standes, sie soll aber nicht blind sein im Allgemeinen. Sie soll den Menschen ins Auge sehen."

Die richtende Göttin der Gerechtigkeit thront in einem 20 m breiten Relief (Bild Nr. 5) hoch über dem Hauptportal. Zur Rechten sieht man eine flehende Klägerin, zur Linken einen grollenden Beklagten und dazwischen zwei Advokaten. An den Eckrisaliten sind die Figuren nicht mehr vollständig erhalten. Sie allegorisierten römisches, germanisches, mittelalterliches und modernes Recht. Dem durch Robe, Barett und langen Bart gekennzeichneten Richter kehrte ein geharnischter Recke den Rücken zu. Er verkörperte die den Richterspruch vollziehende Gewalt, eine durchaus ernst gemeinte Idealisierung des preußischen Schutzmanns und Gerichtsvollziehers.

Erwähnenswert ist auch das etwas rätselhafte, Medusenhaupt (Bild Nr. 6) über dem Hauptportal: Ironie, Anspielung oder Warnung? Die Entwürfe zu diesem bildnerischen Schmuck der insgesamt 553 Meter langen Fassade stammen von dem Bonner Universität-Zeichenlehrer Dr. Karl Mense und seinem Schüler Jacobus Linden, der auch die Reliefs am Bonner Museum Alexander König gestaltete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg glich dieses ehemals prächtige Gebäude einer Ruine (Bild Nr. 7). Dennoch konnte das Amtsgericht schon am 16. Mai 1945, also gut eine Woche nach der Kapitulation, mit sechs Richtern seine Tätigkeit in Mahn-, Zivil- und Zwangsvollstreckungssachen wieder aufnehmen. Am 15. Juni 1945 folgten die Strafsachen, erst viel später Zwangsversteigerung, Konkurs, Register- und Grundbuchsachen.

Am 10. Januar 1946 versammelten sich die Angehörigen des Oberlandesgerichts Köln, die bisher gewissermaßen im Verborgenen gearbeitet hatten, in dem notdürftig hergerichteten Sitzungssaal des Strafsenats zur feierlichen Wiedereröffnung ihres Gerichts. In der Reihe der Ehrengäste saß unauffällig der Mann, unter dessen politischer Führung einige Jahre später ein Aufbauwerk beginnen sollte, für das die Geschichte so wenig Beispiele kennt wie für das vorausgegangene Werk der Zerstörung: Dr. Konrad Adenauer, dessen Vater Kanzleirat bei dem Oberlandesgericht Köln gewesen war und der bei den Gerichten seiner Heimatstadt das juristische Handwerk erlernt hatte.

Der endgültige Wiederaufbau des Gerichtsgebäudes am Reichenspergerplatz fand im Jahre 1950 statt; dabei wurde auf die Wiederherstellung von Figuren und Dachaufbauten an den zerstörten Gebäudeteilen verzichtet.

Ruine nach dem zweiten Weltkrieg Bild Nr. 7
Bücherei des Oberlandesgerichts Köln Bild Nr. 8
Quelle: Guido Franke

Der hohe Einfluss von Schadstoffen griff in den folgenden Jahren die Oberfläche der verwendeten Baumaterialien an den Fassaden an und zerstörte Naturwerksteine, Putzflächen, Abdeckungen und Farbanstriche. Auch im Gebäudeinnern zeigten sich Folgeschäden durch Kriegseinwirkungen, Setzungen und starke Abnutzungserscheinungen. Eine so genannte „durchgreifende Instandsetzung“ wurde erforderlich. Diese konnte jedoch erst nach dem Bezug des Justizzentrums an der Luxemburger Straße, wo seit 1981 das Amts- und Landgericht mit der streitigen Gerichtsbarkeit untergebracht sind, in Angriff genommen werden. In Köln herrschte bis dahin eine große Raumnot. Die Kölner Justiz, d.h. Gerichte und Staatsanwaltschaften, war zeitweise in 11 Mietobjekten, die über die ganze Stadt verteilt waren, und in den renovierungsbedürftigen Gebäuden Appellhofplatz und Reichenspergerplatz untergebracht. Allein im Reichenspergerplatz waren zeitweise bis zu 1200 Arbeitsplätze eingerichtet. Die für die Bürgerinnen und Bürger, die Anwälte und die Angehörigen der Justiz gleichermaßen unzuträgliche Situation wurde durch das Justizzentrum endlich gelindert.

Für das Justizgebäude Reichenspergerplatz bedeutete das die Chance zur Rückbesinnung auf die Architektur, Ausstattung und Ausstrahlung, die das Haus bei der Eröffnung prägte und die es so zum großen Schloss im Kölner Norden (Anm.: Zitat Heinrich Böll) machte. So wurden alle Außen- und Innenhoffassaden instandgesetzt und renoviert. Eine Renovierung der Innenräume und Flure erfolgte im gleichen Zeitraum. Erst im Jahr 1991 konnte die Renovierung des Haupttreppenhauses (Bild Nr. 2) fertiggestellt werden. Endlich waren die seit Jahren unter dicken Farbschichten verborgenen Marmorsäulen wieder zu sehen. Durch die seit dem Zweiten Weltkrieg zugemauerten und nun wieder geöffneten Ochsenaugen, das sind große Fenster innerhalb der Kuppel, fällt wieder Licht in das mächtige und prächtige Treppenhaus. 23,065 Millionen Mark steckte das Land mit dieser Maßnahme in die Restaurierung des ehemals größten Gerichtsbaus Preußens.

Besonders erwähnenswert sind auch der Plenarsaal im ersten Stock über dem Hauptportal und die ehemalige Kassenhalle, ein Raum - rund 30 x 10 m groß und ca. 9 m hoch - überbaut durch eine Stahlkonstruktion mit Glaskuppeldach: ein im Bundesgebiet nur selten erhaltener Saalhallenbau aus der Zeit der Jahrhundertwende mit reichen Stuckarbeiten an Wand- und Deckenkonstruktion. Die Bibliothek (Bild Nr. 8) des Oberlandesgerichts, die in einem nutzbar gemachten Innenhof untergebracht ist, besticht durch das Glasdach, das den Hauptlesesaal mit Tageslicht flutet. die im Jahr 2013 neu gestaltete Inneneinrichtung der Bibliothek wurde vom German Design Council mit einem "iconic awad" ausgezeichnet.

Interessierten Besucherinnen und Besuchern bieten sich Gelegenheiten zur Führung durch das Justizgebäude Reichenspergerplatz jährlich am europaweiten Tag des offenen Denkmals. Dieser findet immer am 2. Wochenende im September statt. Das Justizgebäude ist dann bereits samstags in der Zeit von 13 bis 18 Uhr und am Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Termine für Führungen werden rechtzeitig bekanntgegeben. Für Gruppen gibt es auch die Möglichkeit zu Führungen über das ganze Jahr verteilt. Diese finden nur werktags und außerhalb der Dienstzeiten statt, z.B. ab 16 oder 17 Uhr.  Wegen des großen Interesses ist eine schriftliche Anfrage an das Oberlandesgericht erforderlich (Post oder eMail) und mit längeren Wartezeiten zu rechnen.

Das Oberlandesgericht ist im Internet unter www.olg-koeln.nrw.de und der Mailadresse poststelle@olg-koeln.nrw.de ebenso zu erreichen wie postalisch mit Reichenspergerplatz 1, 50670 Köln.

Text und Abbildungen (soweit nicht anders gekennzeichnet) von
Wolfgang Meyer, Oberlandesgericht Köln